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Statecraft - Pioneer Usage - Representation

Commons

Was haben die Occupy-Bewegung, Atemluft und Urban Gardening gemeinsam?

> Sie gelten trotz vieler Unterschiede und je nach Kontext als Commons.
Commons, englisch für Gemeinsames, aber auch Alltägliches und Gebrauchsgegenstände, meint Gemeingut, das in Kooperation zwischen Individuen, die in der Zusammenarbeit einen Nutzen sehen, verwaltet und genutzt wird. In der Regel sind sie Produzent*innen und Konsument*innen zugleich und entscheiden kollektiv über Ressourcen und deren Verwendung.  Einzelinteressen werden stetig mit den Interessen des Kollektivs ausgehandelt und ausbalanciert. Um Konflikte zu reduzieren einigen sich die Beteiligten meist auf gemeinsame Nutzungsregeln. Commons sind eine Alternative zum Privateigentum.

Die Beispiele:
Die Occupy-Bewegung hat in vielen Städten verschiedener Länder zentrale Plätze besetzt und dort Zeltstädte errichtet, in denen die Besetzer*innen gegen aktuelle Missstände protestierten, sich organisierten und gemeinsam über Lösungsoptionen und Handlungsalternativen debattierten.

Luft ist für alle da. Hierbei handelt es sich jedoch um kein theoriebasiertes, strategisches Common. Luft ist existentiell, sie gehört keinem Einzelnen, sondern wird von allen gemeinsam genutzt.

Mit Urban Gardening-Projekten schaffen Menschen einen Ort, um den man sich gemeinsam kümmert und der gemeinsam gestaltet wird. Ein Kollektiv trägt die Verantwortung hierfür. Häufig gilt er auch als Ort ökologischer Bildung für nachhaltige Entwicklung und bewussten Umgang mit Natur und Gemeingut.

Wie kommt es dazu?

Commons gehen mit der Praxis des Commoning einher, dem Prozess der Gemeinwerdung eines Gutes, eines Platzes oder einer Ressource. Gemeint ist der Prozess, in dem sich die Nutzer*innen oder Beteiligten mit dem Gemeingut und miteinander in Beziehung setzen und es als ihr gemeinsames Gut begreifen und gemeinsam Neues hervorbringen.

Dieser gemeinsame Nutzen einer Ressource mag nicht immer bewusst geschehen, wie beispielsweise bei der Luft zum Atmen. Sie muss nicht extra zugänglich gemacht werden. Anders ist es beim Wasser, wenn es beispielsweise privatisiert wird (wie beispielsweise im Jahr 2000 in Cochabamba, Bolivien, wo ein „Wasserkrieg“ folgte).
 

Geht es nur um Zugang zu Ressourcen und Infrastruktur?

Es geht um Zugang, es geht um Teilhabe und es geht um aktive Gestaltung des Lebens in der Gesellschaft. Commoning ist ein Prozess, die Welt durch ein „Wir“ zu begreifen und zu teilen. Dabei gilt es, Machtzentren zu verhindern und auf einer gemeinsamen Basis aus dem kollektiven Ideenreichtum neue Wege für die Gesellschaft zu entwickeln und umzusetzen. Commons können aus dem Bedürfnis der Kooperation als gemeinsame Gestaltungsmöglichkeit entstehen (Beispiel Urban Gardening) oder aus einem dringenden Bedarf an Räumen demokratischer Aushandlungen in einer Krise oder einem Missstand in der Gesellschaft (Beispiel Occupy-Bewegung).
 

Alles nur ein neuer Hype?

Commons sind kein neues Phänomen. Im Gegenteil. Häufig wird auf Aristoteles und die antike Polis bzw. Agora verwiesen, die für historische Räume politischer Diskussion und demokratischer Entscheidungsfindung stehen.

Durch zahlreiche Privatisierungen und Kommerzialisierung öffentlicher Güter und Infrastruktur (wie z.B. Wasserversorgung, Land, Personenverkehr) und die Regulierung allein durch die Marktlogik steht die kapitalistische Gesellschaft vor enormen Herausforderungen. Die Unterschiede zwischen Arm und Reich wachsen, gesellschaftliche Teilhabe ist immer weniger Menschen möglich. Als eine Antwort nehmen Bürger*innen durch bottom-up Bewegungen Güter in die Hand und versuchen durch Kollektivität von „unten“ Handlungs- und Diskussionsräume zu schaffen, Resilienz zu stärken und gesellschaftliche Teilhabe und Selbstbestimmung zu ermöglichen. Commoning verbreitet sich in den letzten Jahren wieder mehr, aus dem Bedarf und der Notwendigkeit heraus. Commoning ist politisch.
 

Alle Macht den Commons?

Commons, insbesondere Urban Commons sind im öffentlichen Raum zu finden und werden meist von Anwohner*innen entwickelt, die ihre Stadtteile lebenswerter machen. Ein so gestalteter bunter Kiez ist nicht selten auch für die Immobilienbranche interessant. Sie nutzt die Vielfalt, Authentizität und Kreativität für eine kulturelle Aufwertung und erhöht in der nun attraktiveren Gegend die Preise. Während das Commoning meist eine Alternative zu kapitalistischen Werteorientierungen darstellt, da es zu Kooperation und Solidarität motiviert, können die Ergebnisse für entgegengesetzte Ziele instrumentalisiert werden. So geschieht es zum Beispiel im Umfeld des Prizessinnengarten am Berliner Moritzplatz, einem beliebten kollektiv genutzten Urban Gardening Projekt.
 

Und was soll man davon halten?

Manche bezeichnen die Idee der Commons als Utopie, andere aber sehen darin Räume der realen Erprobung alternativer Gesellschaftsmodelle und Ausdruck weltweiter Netzwerke und Bewegungen für gesellschaftlichen Wandel, Demokratie und Solidarität.  

                                

Quellen: 

  • GREEN EUROPEAN FOUNDATION: The Time Is Now: Commons From Past to Present. Interview with Tine De Moor. In: GREEN EUROPEAN JOURNAL, Vol. 14, 2016. www.greeneuropeanjournal.eu/edition/finding-common-ground/
  • Stavrides, Stavros (2017): Gemeingut Stadt. 1. Auflage. Hg. v. Mathias Heyden. Berlin: Neue Gesellschaft für Bildende Kunst (Berliner Hefte zu Geschichte und Gegenwart der Stadt, 4).
  • Harvey, David; Dinçer, Yasemin (2013): Rebellische Städte. Vom Recht auf Stadt zur urbanen Revolution. Dt. Erstausg., 2. Aufl. Berlin: Suhrkamp (Edition Suhrkamp, 2657).
  • O.A. Nachbarschaftsakademie Berlin: Commons in Aufwertungslagen – Ein Abend zu Konflikten um und in urbane(n) Gartenprojekten (o.J.).