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GESCHICHTE, SELBSTVERSTÄNDNIS UND INNOVATION VON BERLINER ZWISCHENNUTZUNGSPROJEKTEN - im Gespräch mit gloria Gaviria

Das Interview verhandelt die Nutzung zuvor unbelebter Orte in Berlin in den letzten dreißig Jahren. Dieser historische Prozess wird in Phasen eingeteilt, wodurch erklärt werden kann, wie sich temporäre Projekte im Lauf der Zeit verändert haben. Eine Erkenntnis ist, dass Projekte der Zwischennutzung sogar Einfluss auf die Stadtplanung nehmen können. Innovativ sind vor allem jene Projekte, die sich für eine breite Nutzung und somit Zielgruppe öffnen.

Anton Schünemann im Gespräch mit Gloria Gaviria
Doktorandin der Ingenieurswissenschaften, inklusive Studium des Urban Managements und der Architektur. Ihre Abschlussarbeit “Temporäre Produktion Urbaner Räume - Beeinflussung von strategischer Stadtplanung und Entscheidungsprozessen” wird in Kürze publiziert.



A
Was hat Dich an der Erforschung von temporalen Nutzungen, bzw. Zwischennutzungen interessiert?
G
Vor sechs Jahren habe ich verschiedene Projekte in Berlin besucht und fand das Phänomen der Zwischennutzung interessant. Später habe ich dieselben Projekte erneut besucht und manche waren plötzlich nicht mehr da. Ich versuchte herauszufinden wie die ganze Strukturen dieser Projekte funktionieren: Was für verschiedene Projektarten gibt es? Wer sind die Akteure, die solche Projekte entwickeln können? Wie ist es möglich ein temporäres Projekt zu entwickeln und wie beeinflusst die zeitlich begrenzte Nutzung die Planungsstrategien und Entscheidungsprozesse? Ich fand bei meiner Recherche heraus, dass Berlin die „Capital of Temporary Uses“ genannt wird – das hat mich besonders fasziniert und ich wollte wissen wie es zu solch einer Bezeichnung kommen konnte.
A
Wie definierst du temporär begrenzte Projekte im Unterschied zu verstetigten Nutzungen?
G
Es gibt dreißig Jahre alte Projekte, die seit der Wende bis heute laufen und die trotzdem immer noch zur Kategorie der temporären Nutzung gehöre, z.B. die Lohmühle am schwarzen Kanal. Das liegt daran, dass sie bis heute keine gesicherten Nutzungsrechte haben. Sie operieren also vor dem Risiko jederzeit den Ort räumen zu müssen. In der Tendenz könnte man aber sagen, dass ein Projekt, das länger als zehn Jahre läuft als verstetigt  gilt.
A
Kannst Du vielleicht kurz zusammenfassen, welche besonderen Erkenntnisse aus Deiner Forschungsarbeit hervorgehen?
G
Ich habe sechs chronologisch aufeinander folgende Phasen des Phänomens der temporären Nutzung in Berlin von der Wende bis 2018 identifizieren können. Insgesamt habe ich über alle Phasen hinweg fast 200 Projekte in verschiedenen Kategorien und an interessanten und ungewöhnlichen Orten in der Stadt identifiziert. In den 90er Jahren gab es einen Mangel an lokal-politischen Planungsmaßnahmen für die städtische Restrukturierung und Entwicklung, die Lösungen hätten geben können für die Probleme des leerstehenden Raums und seine Einbeziehung in die Funktionen der Stadt. Danach gab es eine Aktivphase bis Mitte 2000, in der Akteure sehr unkompliziert die Freiräume in Berlin nutzen konnten. Während der 2000er Jahre gab es dann eine Hochkonjunktur temporärer Raumnutzung, was in Berlin als eine Art urbanes Labor für die erneute Nutzung verlassener Gegenden und Räume angesehen werden kann. Während der Aktivphase bekamen temporären Nutzungen eine neue Rolle auf der offiziellen Planungsebene anerkannt, indem die Bauordnung geringfügig verändert wurde: Ohne spezifische Regulierungen für ihre Realisierung aufzustellen, konnten Projekte entwickelt werden. Somit war eine erste Anerkennung als informelles Planungsinstrument gegeben.


“Es ist bemerkenswert, dass die von mir analysierten, von der Gesellschaft geformten bottom-up-Initiativen es schaffen, z.T. sogar ohne politische Förderung oder Unterstützung die strategische Stadtplanung zu beeinflussen.”


A
Die Anerkennung von Zwischennutzungsprojekten war sicherlich ein Meilenstein für die Akteure auf der einen und die Stadtplanung auf der anderen Seite. Ende gut, alles gut?
G
Auf die Anerkennungsphase folgte eine Formalisierungsphase. Diese Abfolge zeigt, wie die  Instrumentalisierung neue formelle und informelle Werkzeuge einführt, die den mittelfristigen Gebrauch als Gelegenheit nutzt, temporäre Projekte in das System der Stadtplanung einzubeziehen. Es folgte eine kritische Phase, die aus der Krise der städtischen Wohnraum- und Flüchtlingssituation heraus entstand. Ich habe mit verschiedenen Beteiligten aus Verwaltung und Politik gesprochen und es ist klar, dass sich ab 2014 die Prioritäten zur Nutzung von Brachen und leerstehenden Gebäuden änderten hin zum Bau neuer Wohnungen. Bis 2030 werden fast vier Millionen Menschen in Berlin leben, für die die Stadt verpflichtet ist, Wohnungen und andere ergänzende Infrastrukturen zu schaffen. In der kritischen Phase erhielt das temporäre Konzept zwar einen demokratischen und humanitären Charakter, die Anzahl neuer Projektentwicklungen nach altem Schema wurde dafür geringer.
A
Im Titel deiner Doktorarbeit ist zu lesen, die Zwischennutzungen würden sogar entscheidenden Einfluss auf die Stadtplanung haben. Wie ist das gemeint?
G
Es gibt keine Gesetze, die temporäre Nutzungen regulieren. Daher ist es bemerkenswert, dass die von mir analysierten, von der Gesellschaft geformten bottom-up-Initiativen es schaffen, zumTeil sogar ohne politische Förderung oder Unterstützung, die strategische Stadtplanung zu beeinflussen. Die Innovation einzelner Projekte geht soweit, dass sie kooperative Formate entwickeln, in denen sie mit privaten und öffentlichen Akteuren große Projektideen entwickeln und verwirklichen. Hierfür ist das Holzmarkt Village ein gutes Beispiel. Der Stadtentwicklungsdiskurs wird also stark von diesen bottom-up-Initiativen mit geprägt.
A
Schauen wir auf die Zwischennutzungsprojekte im Bereich Kunst und Kultur. Was ist Dir da aufgefallen?
G
Insgesamt gehören ca. 15% der von mir betrachteten Projekte zu dieser Kategorie. Projekte im Zusammenhang mit Strandbars und Clubs habe ich als die häufigste Nutzung identifiziert, dicht gefolgt von Gemeinschaftsgärten. Es ist natürlich schwierig das zu trennen, weil diese Projekte auch eine kulturelle und künstlerische Komponente besitzen. Viele der Pionierprojekte entstanden an spannenden Orten an den Ufern der Spree oder in alten Fabriken im Osten der Stadt. Künstler*innen erforschten diese Orte, taten sich in Kollektiven zusammen. Einige von ihnen gibt es heute noch, andere nicht. Auffällig ist, dass die Nutzungen heute vielschichtiger geworden sind: An ein und demselben Ort finden heute sehr verschiedene Dinge statt, weniger aus ökonomischem Antrieb heraus, denn eher um sehr unterschiedliche Communities zu erreichen und zusammen zu bringen.
A
Wie siehst du das Verhältnis zwischen Projekten, die unbedingt Verstetigung suchen und jenen, die ihre Idee ganz bewusst nur kurzfristig umsetzen möchten?
G
Es gibt ganz verschiedene Varianten. Einige haben die Hoffnung langfristig an einem Ort zu bleiben, bei anderen ist es klar, dass es sich um ein kurzfristiges Projekt handelt. Letztere investieren wenig Geld und arbeiten vor allem provisorisch. Entscheidend ist letztendlich der Projektansatz: Wenn viele Menschen überzeugt sind, dass ein Projekt länger bleiben sollte, unterstützen sie es bis hin zu Demonstrationen und Ähnlichem. So z.B. bei den Prinzessinnengärten: Sie sollten schon wiederholt ihre Fläche räumen, weil der Grundstückswert seit Projektbeginn erheblich gestiegen war. Die Community setzte sich aber immer wieder für das ihr wichtige Projekt ein und verhinderte so dessen Gentrifizierung.

“Man geht gerne an Orte, an denen man etwas Besonderes vorfindet.”


A
Kannst Du Erfolgsindikatoren benennen, welche Projekte es schaffen längerfristig zu funktionieren und was auf der anderen Seite zu Misserfolg führt?
G
Wichtige Faktoren sind z.B. wo das Projekt lokalisiert ist: Zentrale Locations haben es prinzipiell einfacher, weil viele Menschen das Projekt dann erreichen können. Dass das Projektangebot viele verschiedene Menschen interessiert, ist auch wichtig, dementsprechend sollte der Ort diverse Nutzungsmöglichkeiten beinhalten. Kreativität spielt eine wichtige Rolle: man geht gerne an Orte, an denen man etwas Besonderes vorfindet. Interdisziplinärer Charakter, strategische Allianzen mit allen Beteiligten sowie finanzielle und materielle Ressourcen sind auch wichtig. Zuletzt ist auch eine gute Organisation entscheidend, da es Personen im Hintergrund braucht, die in der Lage sind das Projekt frühzeitig in die richtigen Bahnen zu lenken.
A
Es wird immer schwieriger innenstadtnahe Räume zu finden, die für Zwischennutzung zur Verfügung stehen. Kunst- und Kulturschaffende fordern daher immer stärker die Verstetigung ihrer Projektideen. Spiegelt sich das in deiner Forschung wieder?
G
Ja. In der von mir benannten Aktivphase sind bestimmte Orte regelrecht kolonisiert und die dortigen Projekte langfristig entwickelt worden. Das war allerdings ein harmonischer Prozess in dem eigentlich kurzfristig gedachte Projektideen und -angebote derartig beliebt wurden, dass Anbietende und Nutzende die langfristige Verstetigung bestimmter Orte gewissermaßen miteinander verabredeten.
A
Gibt es neben den Kunst- und Kulturschaffenden neue Akteure, die heute Zwischennutzungen anvisieren und sich mit dem Thema beschäftigen?
G
Neue Akteure sind z.B. zivilgesellschaftliche Gruppen, Akteure aus dem akademischen Bereich; städtische Berater*innen, Stiftungen, Genossenschaftsgruppen, Flüchtlinge, kirchliche Einrichtungen u.v.m. Es gibt jetzt auch Firmen wie Vattenfall, die einen Urban Garden anbieten oder Anwohner*innen, die im Haus der Statistik ihre eigene Nachbarschaft frühzeitig mit planen und gestalten wollen. Hierbei fällt auf, dass es sich um Personen und Gruppierungen handelt, die ein Partikularinteresse verfolgen und sich für die Durchsetzung gezielt mit anderen zusammen tun.

“Kunst kann vieles bedeuten, aber wenn die Projekte interaktiv sind, fühlen sich alle als Teil des Projekts und nehmen auch schwierige Phasen in Kauf.”


A
Viele schreiben temporär limitierten Projekten eine besondere Innovativkraft zu. Ist dem so?
G
Ich verstehe unter dem Begriff Innovation vor allem den Mehrwert der betrachteten Projekte für neue Ansätze, Stakeholder und Finanzierungsmethoden. Manche Projekte sind zwar kreativ, aber nicht innovativ. Wichtig ist, neben allen Planungsinteressen von Zwischennutzung und verstetigter Nutzung partizipative Formate zu etablieren, die echte Bürgerbeteiligung ermöglichen. Das Haus der Statistik ist hier ein sehr gutes Beispiel. Ich denke, dass sich die temporären Nutzungen mit der Umsetzung innovativer Ansätze weiterentwickeln werden. Dies kann in Richtung Kooperation und Koexistenz von permanenten und zeitlich begrenzten Konzepten gehen.
A
Hast Du Ratschläge für junge Künstler*innen, worauf sie achten sollten, wenn sie neue Projekte entwickeln wollen?
G
Sie sollten keinesfalls egoistisch denken. D.h. sie sollten dem Projekt einen Fokus geben, der die Gesellschaft, die es umgibt integriert. Kunst kann vieles bedeuten, aber wenn die Projekte interaktiv sind, fühlen sich alle als Teil des Projekts und nehmen auch schwierige Phasen in Kauf. Ich empfehle, ihnen offen für Experimente zu sein. Sie können Projekte vor der formalen Umsetzung ausprobieren - Trial and Error. Es gibt zusätzlich Lehren aus erfolgreichen und misslungenen Projekten.
A
Ok. Schauen wir genauer auf die Fallbeispiele, die Du in Deiner Arbeit analysiert hast. Warum hast Du Dich genau für diese entschieden?
G
Entscheidend war für mich, dass sie – in unterschiedlicher Weise – die Stadtentwicklung in Berlin maßgeblich beeinflusst haben. Die Pionierprojekte am Tempelhofer Feld sind die ersten Projekte, die offiziell in die strategische Stadtplanung integriert wurden. Sie setzen sich zusammen aus Urban-Farming-Arealen, Sportangeboten, Fahrradreparatur, etc.: diese Projekte wenden sich an eine sehr breite Zielgruppe. Der CoopCampus hat die aktuelle Entwicklung der Umnutzung städtischer Friedhofsflächen maßgeblich beeinflusst. Zuerst sollte das Projekt nur den befriedeten Friedhof als öffentlichen Raum architektonisch bereichern, dann wurde daraus ein partizipatives Projekt, das perspektivisch an die dort entstehende Flüchtlingsunterkunft angedockt wird. Am Holzmarkt Village ist besonders, dass die Beteiligten es mit einem Kooperationsansatz geschafft haben, ohne städtische Unterstützung ein solch komplexes Projekt zu realisieren.

“Die Schwierigkeiten werden dann sogar zur eigenen Erzählung, zur Geschichte, ja, zur Identität.”


A
Hattest Du das Gefühl, dass CoopCampus als ein Ort, der offen für alle sein will, somit auch den Bezirk insgesamt attraktiv macht und die Gentrifizierungsspirale in Gang setzt?
G
Ich denke man kann viel von dem Projekt lernen: Wie kann es gelingen solch einen Ort sinnvoll zu entwickeln? Keineswegs hat das Projekt eine Veränderung zum Negativen gebracht, ganz im Gegenteil. Das Projekt funktioniert wie eine Einladung, ein Treffpunkt für sehr verschiedene Gruppen. Es geht darum die verschiedenen Bevölkerungsgruppen Berlins – Alt-Eingesessene, Hinzugezogene aus der ganzen Welt – im Rahmen verschiedener Aktivitäten zusammen zu bringen: sie sollen sich als Teil der Community fühlen. Hier ist das Projekt auch sehr anders als bspw. der Holzmarkt, bei dem Teile des Projekts eher vom konsumfokussierten Partypublikum besucht werden und somit ein gutes Wochenenderlebnis verschaffen. CoopCampus bietet hingegen gemeinsames Lernen und Diskussionsrunden an. Beispielsweise das Nana-Café bei dem Flüchtlinge ihr Expertenwissen weitergaben. Das gibt einem ein besonderes Gefühl des sozialen Zusammenhalts.
A
CoopCampus ist vorerst ausgesetzt, weil die Friedhofsbebauung stockt. Holzmarkt streitet mit Stadt und Nachbarn um seine Berechtigung. Gehören solche Schwierigkeiten, ja elementare Bedrohungen zum Projektalltag? Wie gehen die Projekte damit um?
G
Ich denke das ist nicht nur Teil der Projekte, es ist sogar ihr Erfolg: Probleme in der Durchführung, das Hinterfragen der Funktionalität, Finanzierungsschwierigkeiten, Nachbarn, die sich benachteiligt fühlen – all das gehört dazu. Die Schwierigkeiten werden dann sogar zur eigenen Erzählung, zur Geschichte, ja, zur Identität. Man will von einer Entwicklung erzählen können, bei der man zu Beginn wenig bis nichts hatte und es dann doch irgendwie geschafft hat.
A
Letzte Frage: Was glaubst Du wie die Zukunft der Zwischennutzungen aussieht?
G
Ich glaube wir befinden uns immer noch in der Evolutionsphase, die seit 2014 läuft, einen besonderen Schwerpunkt auf die Jahre 2017, 2018 legt und immer noch anhält: Leute, die bereits viele Erfahrungen mit Zwischennutzungsprojekten gemacht haben, müssen nicht mehr so stark um Ressourcen und Unterstützung kämpfen wie früher. Sie wissen schon an welcher Tür sie klingeln müssen. Sie haben verstanden, dass es Kooperationen mit anderen Akteuren und Institutionen bedarf und visieren eine vielschichtige Nutzung an. Die aktuelle Innovation ist also die Erhöhung der Planungskomplexität und eine grundsätzliche Professionalisierung von Vorgehen und Strukturen. Jungen Menschen empfehle ich sich durchaus von den erfahrenen Akteuren Wissen abzuholen, aber trotzdem auf eigene innovative Ideen zu setzen. In diesem Sinne können wir jetzt noch gar nicht abschätzen welche Phase als nächstes eingeläutet wird.